Böser Titel. Wo ich doch selbst im Network Marketing involviert bin.
Ja, es ist eine tolle Vertriebsform. Die Idee dahinter ist spitze und das Modell auch erprobt und es funktioniert gut. Wenn da nur nicht die übereifrigen Networker wären, die einem jeden Nerv rauben. Ich meine mal so absolut jeden.
Wem ist das noch nicht passiert, dass ein Bekannter (oder ein Wildfremder) anruft und uns von einem wahnsinnig tollen, super interessanten, neuen und voll tollen Geschäft erzählen will. Er ist so begeistert, dass er glatt durch die Decke geht. Jedenfalls, wenn man die Person am anderen Ende der Leitung kennt, erkennt man sie in dem Telefongespräch nicht, weil sie nicht normal ist.Gut, jedem Neuen im NWM (Network Marketing) wird ein Leitfaden an die Hand gegeben und Telefontrainings gemacht, wie man Freunde und Bekannte anruft und sie auf das Geschäft anspricht. Ist ja nichts dagegen zu sagen, jemandem die Sache vorstellen zu wollen. Und auch Aussagen auf diesen Schulungen wie “Stell dir vor, du hättest eine Pille gegen Krebs. Mit wem würdest du die teilen wollen? Natürlich mit deiner Familie und deinen besten Freunden.” etc. sind okay und geben einen ersten Anhaltspunkt, wem man das Geschäft vorstellen kann; schließlich soll man ja mit Menschen zusammenarbeiten, die man mag. (aber besser wäre es, wenn aus dem Geschäft eine Freundschaft erwächst und sich ein Geschäft nicht auf Freundschaft begründet)
Und auch Sprüche wie “wenn du bei deinen Bekannten anrufst, müssen die denken, ein Raumschiff wäre grad bei denen durchgerast, so musst du die mitreißen” wären legitim und sind es sicher auch irgendwo; wenn nicht viele Neulinge (und teilweise auch alte Hasen in der Branche) auf dieser Stufe stehenbleiben würden.
Allzu oft ist es doch so, dass diese Menschen uns dann im Gespräch all die guten, positiven Dinge erzählen, von Vorteilen und Vorzügen schwärmen und absolut begeistert sind. So begeistert, dass kritisches (nicht böswilliges) Nachfragen nicht kompetent, sondern aggressiv abgewehrt wird, mit Phrasen beantwortet, begründet auf Hören-Sagen.
Und dass diese überbegeisterten Neulinge nicht nur keine Fragen zulassen, die irgendein anderes als ein perfektes Bild am Unternehmen/den Produkten/den Führungskräften (ha-ha) lassen. (viele “Führungskräfte” verdienen die Bezeichnung nicht) Oder wenn man ein anderes Produkt aus derselben Sparte erwähnt mit dem man gute Erfahrungen gemacht hat, wird es oft mit “unseres ist besser, weil (nicht objektiv nachvollziehbare Begründung)” abgetan. Der Neuling lässt sich nicht auf Diskussionen ein, wird zum “Fachmann” für dieses Gebiet und weiß dann oft mehr, als ein echter Fachmann aus dem Gebiet, weil ja “die Firma” viel eher am Puls der Zeit ist. Das kann schon stimmen, dass die Firma tatsächlich ein besseres Produkt hat, Neuerungen schneller umsetzen kann und ein echter Fachmann manche Dinge nicht weiß; wenn man aber nicht offen und ohne aggressiv zu werden darüber sprechen kann, nerven diese Verkaufsversuche von Neulingen im NWM einfach tierisch.
Es geht ehrlich gesagt nicht nur um, und vor allem nicht gegen, Network Marketing, sondern auch um jeden Verkäufer, “Berater”, “Dienst-Leister” (wieviele, die sich so nennen, leisten denn wirklich Dienst am Kunden?) oder wie sie sich sonst so nennen. Es geht um jeden, der übereifrig versucht, etwas zu verkaufen, keine Argumente zulässt, zu keiner Diskussion fähig ist, Fragen nicht beantwortet (beantworten kann), blind auf Hören-Sagen vertraut und beleidigt ist, wenn man seine “Sache” nicht genauso schnell ebenso toll findet wie er. Solches Verhalten schadet der Branche, schadet jeder Branche und macht solche Menschen unbeliebt. Vor allem im Bekanntenkreis. Kein Wunder also, haben viele Verkäufer oder eben Network Marketer einen schlechten Ruf, eben weil sie sich übertrieben verhalten.
Übertriebenes Verhalten kann Angst machen, weil es anders als normal ist. Was gut sein kann, wenn eine sinnvolle Verhaltensänderung dahintersteckt. Aber übertriebenes Verhalten im Sinne von Hype für ein Produkt, eine Firma oder irgendetwas anderes macht unbeliebt und schadet dem Beteiligten.
Ich bin offen für jedes interessante Produkt und Geschäftsmodell, aber wenn jemand mit mir reden will, sollte er kompetent in der Sache sein. Und mich nicht zuschwallen oder mir unbedingt etwas verkaufen wollen. Man nennt das auch “Alligator-Technik”: keine Argumente, bei Fragen schnell genervt sein und zuschnappen. Wie steht’s um dich? Alligator oder echter Dienst-Leister?
Hi Sebastian.
1.
Network-Marketing ist Marketing auf der Beziehungs-Ebene.
2.
Die Beziehungs-Ebene ist die Ebene zwischen zwei Menschen, in denen es um sie selbst geht um ihrer selbst will
3.
Network-Marketing utilisiert die Beziehungs-Ebene, indem es das zu Grunde liegende Vertrauen benutzt, um ein Produkt zu vertreiben und damit Geld zu verdienen.
4.
Das ist der Grund, warum der Anrufer dazu gezwungen wird, eine so starke Alpha-Position am Telefon zu simulieren.
5.
Begeisterung oder Enthusiasmus ist nichts anderes als Verkaufsdruck; genau das gleiche passiert bei einem Konzert (positiv) oder einer Panik (negativ): die emotionale Stimmung ist so stark aufgeladen, dass man einen starken Willen besitzen muss, um sich zu widersetzen.
6.
Der starke Wille wird beim Network-Marketing dadurch geschwächt, dass bereits eine Beziehunsebene = Vertrauensebene besteht. Network Marketing instrumentalisiert also das Vertrauen.
7.
Vertrauen ergibt sich nicht in Folge der angebotenen Vertragsbeziehung, sondern auf Grund des vorhandenen Vertrauens soll die angebotene Vertragsbeziehung eingegangen werden. Dies ist auch der Grund, warum so lange wie möglich verheimlicht wird, wie der Marketing Plan aussieht. Als ob er zu kompliziert wäre…
8.
Network Marketing ist auch betriebswirtschaftlich nicht sinnvoll. Die zeitfixen Kosten, die pro Verkaufsgespräch auflaufen sind pro Verkauf riesig. Jedes Mal, wenn Du zu einer Schulung gehst oder ein Verkaufsgespräch führst, wirst Du nicht bezahlt, sondern nur tröpfchenweise durch Verkaufserlöse.
9.
Lies das Buch “Die große Verführung: Psychologie der Manipulation” von “Robert Levine”. Die Amazon-Rezensionen sind erstaunlich kritisch, das Buch wird wie ein Lehrbuch beurteilt, dabei ist es ein profanes Ratgeberbuch. Das letzte Kapitel, in dem die Königsdisziplin der Manipulation beschrieben wird, ist besonders interessant.
10.
Im Übrigen: Fang an, gute Bücher zu lesen und nicht nur “Allgemeinbildung”. Du studierst, also steigere Dein Leseniveau. Deine Texte sind allerdings insgesamt ganz gut!