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Thomas Mann

 

thomas Thomas Mann

Thomas Mann

Eine Person, die zweifelsohne einen großen Einfluss auf mein Leben hatte, ist mein bester Freund Thomas Mann. Nicht nur seine Namensgleichheit mit dem großen Dichter war an ihm besonders. Vielmehr der Einfluss, den er auf das Leben all derer hatte, die ihn kennenlernen durften. Er wurde am 29.04.1982 in Coburg geboren und war damit ein knappes dreiviertel Jahr älter als ich. Ich lernte ihn kennen mit 17 Jahren, als ich die Fachoberschule in Bamberg besuchte. Ich saß in der zweiten Reihe, zufälligerweise neben Personen, die ich aus meiner alten Schule kannte. Und wie es der Zufall ebenso wollte, saß Thomas direkt hinter mir. Dass wir uns kennenlernten verdanken wir der am ersten Schultag üblichen Vorstellungsrunde, in der jeder etwas über sich erzählt.

 

1999 waren Mangas und Anime noch nicht normal und man war ein Exot, wenn man sich zu so etwas bekannte. Vor allem, da die bekannteste Serie Sailor Moon war und Serien wie Dragon Ball in einer unglaublich verhunzten Art gesendet wurden und andere Serien wie Captain Future oder Heide zwar bekannt waren, aber kaum jemand wusste, dass es sich hier um Animes handelt. Während der Vorstellungsrunde erwähnte ich also nur, dass ich mich für Japan interessiere, die Kultur und auch andere Werke. Ich bin nicht direkt darauf eingegangen, was ich anschaute. Kinder können ja so grausam sein. Und ich hatte nicht vor, vom ersten Tag an derjenige zu sein, der wegen seiner Leidenschaft eine Außenseiterrolle einnimmt. Als die Reihe an Thomas war, etwas von sich zu erzählen, fing er an, dass er Neon Genesis Evangelion Fan ist und auf Nachfragen der Mitschüler stieg er auch gut darauf ein und erklärte ihnen einiges.

Wie erwartet waren die meisten Kommentare spöttischer Natur. Aber vielleicht auch nur, weil manch einer nicht zugeben wollte, dass er sich auch für die Materie interessiert, denn die meisten Jungs in der Klasse wollten ja ‘hart’ oder ‘cool’ sein und da passten Animes nicht dazu. Ganz anders Thomas: ihm war es egal, ob andere irgendetwas dachten. Er stellte sich vor, er sagte, was er mochte. Er kam mit jedem aus, ließ jeden sein, wie er war und war einfach er selbst. Er war wahrscheinlich einer der ehrlichsten Menschen überhaupt, denn er war ehrlich zu sich selbst. Und in der Konsequenz auch zu seiner Umwelt. So ergab es sich also, dass wir uns nach der Stunde und nach der Schule unterhielten und anfreundeten. Ich hatte zuerst die Befürchtung, dass er eher ‘schwach’ sein würde und sich wie eine Klette an mich hängen würde. Doch es kam völlig anders. Wir wurden sehr gute Freunde und er hatte nie die Angewohnheit sich an irgendjemand anhängen zu müssen. Weder für Status, noch aus Schwäche oder sonstigen Beweggründen. Er brauchte all diese Dinge nicht. Es ist unglaublich, wie er einfach nur immer er selbst war und sich selbst genügte. Er musste keinen Eindruck schinden vor anderen, musste nicht angeben, musste niemanden beleidigen, anpöbeln oder sich irgendwie ‘besonders’ verhalten. Er musste einfach nur er selbst sein und das war er, ohne je darüber nachzudenken und fand damit mehr Freunde, als manch einer im Leben haben wird.

Sein unbefangener Umgang und seine Fähigkeit, schnell Freundschaften zu schließen war nicht nur für uns ‘normale’ Menschen etwas besonderes, sondern auch für seine Familie. In der Familie Mann zählt man einige wenige Personen zu seinen ‘echten’ Freunden, also denjenigen Personen, die man nicht häufig sehen muss, aber auf die man immer zählen kann. Ein innerer Kreis, der da ist und zusammenhält, ein Kreis der besonders ist. Und im Äußersten 20 Personen beinhaltet. Also eine kleine, elitäre Gruppe Menschen, die sich das Vertrauen besonders erworben haben und zu Recht den Titel ‘Freund’ verdienen. (und wie ich finde eine nachvollziehbare Einstellung und wohl die ehrlichste Definition von ‘Freund’) Auch hier war Thomas anders: er schloß schneller Freundschaften als manch anderer und unterschiedlicher hätten auch die Menschen, die er zu Freunden machte, nicht sein können. Da waren bekennende Rechtsextremisten, da waren Motorradrocker, da waren Animefans und Gothics. Es gab Selbständige, Schüler, Chefs, Vorstände, Politiker, Sänger, Zeichner und Menschen aller nur denkbaren sozialen Schichten, Einstellungen, Rassen und Weltanschauungen. Und mit allen kam Thomas klar. Ohne jede Richtung zu unterstützen oder ‘Lieb Kind’ zu machen, um allen zu gefallen. Thomas hatte seine Meinung, seine Welt und ließ auch allen anderen ihre Meinung und Welt. Er war mit den Menschen befreundet um der Menschen willen. Er fand sicher nicht alles gut; er hat nie etwas getan, was anderen Menschen körperlich geschadet hat oder hätte das rechte Gedankengut unterstützt. Aber es verband ihn eine Freundschaft auch mit solchen Menschen. Vielleicht hatte er die Fähigkeit, hinter all diese Wände aus Vorurteilen oder anderen Weltsichten zu sehen und hinter all dem den Menschen zu sehen, der genau war wie er: einfach menschlich, voller Gefühle und Fehler und einfach nur ein Mensch. Gleich wie jeder andere. Ja, Thomas hat einfach jeden Menschen so genommen, wie er war. Ohne sie ändern zu wollen und mit all ihren Fehlern. Ich habe noch nie einen anderen Menschen andere so bedingungslos akzeptieren sehen, wie er es tat.

Seine Meinung hat Thomas immer vertreten aber nie mit dem Ellenbogen. In Konflikten versuchte er einfach, die Seiten zu verstehen und zwischen den Parteien zu vermitteln. Und auch hier mit einer sanften Art und ohne bestimmend zu sein, aber mit einer ehrlichen Mentalität, das Gute voranzubringen und die Konflikte zu beseitigen. Ich habe ihn selbst nie mit irgend jemand streiten sehen. Man konnte sich nicht mit ihm streiten, denn es gab nichts, weswegen man sich hätte streiten können. Und man konnte ihm nie böse sein. Thomas hatte das unglaubliche Talent, tun zu können, was er wollte und niemand konnte ihm je dafür böse sein. Er hat es nie ausgenutzt. Er war ein Mensch, der auf der Animagic mit der Videokamera wildfremden Mädchen unter die Röcke filmen konnte und sobald diese es bemerkt hatten bekam er kein böses Wort, keine Ohrfeige, kein Garnichts. Sondern in dem Augenblick als es bemerkt wurde war eine Sekunde des natürlichen Entsetzens der betroffenen Person, aber sobald sie Thomas gesehen hatte kam ein Lächeln auf ihr Gesicht, sie wuschelte Thomas durch die Haare und alles war okay. Die Mädels machten weiter und Thomas filmte wieder etwas anderes. Er konnte tun, was sonst niemand gedurft hätte, denn auf irgendeine Weise wußte jeder, der mit ihm zu tun hatte, dass er nie etwas böses tat, oder sein Verhalten schlecht war. Thomas hatte eine Ausstrahlung, die etwas in den Menschen bewegte, die irgendetwas ausglich, ohne dass ich sagen kann, was. Vielleicht verbreitete er auf eine nicht bewußt wahrnehmbare, unterbewußte und nur fühlbare Ebene eine Harmonie in die Menschen, etwas Gutes, etwas Schönes, eine Empfindung, die ihn vor aller Welt so beliebt machte.

Thomas war im Schultheater, in der freiwilligen Feuerwehr und generell gern unter Menschen. Er brachte unterschiedliche Menschen zusammen, verstand sich mit allen und war überall beliebt. Vielleicht nicht überall in dem Maße, dass man aufsprang und ihn begrüßte, als hätte man nur auf ihn gewartet. Es gab auch Menschen, die ihn einfach ‘nur’ mochten. Aber es gab niemanden, den ich je kennengelernt habe, der ihn nicht mochte, nicht leiden konnte. Und in den allermeisten Fällen war es so, dass die Menschen aufsprangen, freudig zu Thomas gingen und ihn mit einer Herzlichkeit begrüßten, wie sonst kaum jemand anderen. Mit wildfremden Menschen verstand er sich, half ihnen, wenn er sah, dass es notwendig war. Kein böses Wort habe ich je von ihm zu irgendeinem Menschen gehört, keine abfällige Bemerkung und immer war er hilfsbereit. Immer hat er anderen Menschen zu helfen versucht. Und bei jeder Gelegenheit tat er es auch. Ohne Vorurteile. Ohne die Erwartung einer Gegenleistung. Selbstlos.

Besonders ‘berühmt’ waren seine Auftritte als Captain Tokyo, auf Conventions und auch auf dem Comicsalon Erlangen. Dabei band er sich einfach nur eine Japanflagge um und sagte “Auf, auf und wusch!” Auf dem Comicsalon hat er bei einer Autogrammstunde einer japanischen Zeichnerin seine Flagge auf den Tisch gelegt. Er hat eine riesen Momoko (Wedding Peach) mit Autogramm bekommen. Ein einzigartiges Stück. Auch auf dem Comicsalon hat er die deutsche Erstausgabe des Mangas ‘Angel Sanctuary’ originalsigniert bekommen. Dies waren seine wertvollsten Stücke, denn er war ein unbeschreiblicher Sammler von Mangas, Animes, Gundams und überhaupt allem japanischem. Wir alle waren damals sehr im Animefieber, aber er kaufte von seinem Arbeitslohn Tüten voller Mangas oder ganze Kartons von Sammlungsauflösungen anderer Fans und auch von mir kaufte er einige Filme, DVDs und Mangas ab. Manche gewann er auch. Wir spielten in Streetfighter auf Sega Saturn (auf die er sehr stolz war) um Videokassetten und ich weiß nicht wie, aber er hat mich viel zu oft geschlagen. Wenn man bedenkt, wie gut ich in Street Fighter bin, ist es mir immer noch ein Rätsel, wie er so oft gegen mich gewinnen konnte. Vielleicht war er wirklich besser als ich?

Man konnte Thomas leicht unterschätzen, denn aufgrund seines Auftretens und seines Ausehens nahm man ihn nicht immer unbedingt ernst. Aber trotzdem hörte man auf ihn. Man hörte ihm zu und seine Ideen wurden aufgegriffen. Er schlich sich sanft in das Leben der Menschen um ihn herum und berührte sie. Und ebenso sanft veränderte er die Menschen auf eine Weise, die sich kaum beschreiben lässt. Thomas war ein sanfter Riese, der ein unglaubliches Potenzial hatte und mit Menschen aller Arten umgehen konnte aber es nie zu seinem Vorteil ausnutzte. Obwohl er am liebsten immer nur mit seinen Freunden zusammen gewesen wäre, half er doch seinen Eltern im Haushalt. Zum Beispiel Rasen mähen oder andere Arbeiten, wegen derer er auch einmal zuhause bleiben musste, oder erst später zu Besuch kommen konnte. Und obwohl er am Telefon dann sagte, dass er leider erst später kommen könne verlor er nie ein Wort darüber, dass er sich ärgerte, seine Familie doof sei oder es ihm nicht passte. Er tat es einfach, er half, wenn es gegeben war und kam eben später zu Besuch.

Am Telefon war Thomas immer und zu jedem ebenso freundlich und unglaublich fröhlich. Wenn man ihm etwas erzählte, um ihn zu ärgern sagte er oft “Wie fies, wie gemein” aber nichts anderes, nichts schlechtes, nichts beleidigendes, nichts aggressives. Wenn er zuhause ans Telefon ging, meldete er sich oft mit “Villa Frankenstein”, “Staatliche Irrenanstalt” oder anderen witzigen Sprüchen und das obwohl sein Vater im Hause eine Industrie-Beratungs GmbH hatte. Zwar hatte sein Vater einen eigenen Apparat, aber dennoch. Und trotzdem habe ich nie mitbekommen, dass sich Thomas Telefonverhalten je negativ ausgewirkt hätte, dass sich jemand beschwerte oder sauer war. Thomas hatte eine urkindliche Freude und Freundlichkeit. Vielleicht hatte er sich die Eigenschaften, wegen derer alle Menschen Babys lieben und beschützen wollen, ins Erwachsenenalter bewahrt, denn er berührte die Menschen und strahlte immer noch diese kindliche Unschuld aus und erzeugte Zuneigung in allen Menschen.

Er hat sich nie beschwert, dass wir ihn wegen seiner Figur aufgezogen haben. Thomas hatte ein paar Kilo zuviel, ohne übergewichtig zu sein. Aber natürlich zogen wir alle ihn deswegen öfters einmal auf. Er hat uns das niemals wirklich übel genommen und sich auch nie wirklich davon beeinflussen lassen. Zwar hatte er die Absicht, ein paar Kilos abzunehmen und die vielfältigen Einfälle und die Besuche im Fitnessstudio wurden von uns kommentiert – aber es war immer nie so, dass jemand ihn wirklich verletzen wollte. Und nie hätte jemand ihn wohl wirklich verletzen können, da er so mit sich und seiner Umwelt im Reinen war, dass er nichts übelnehmen konnte. Ich glaube, er hat die Menschen in seinem jungen Alter besser verstanden, als es die größten Lehrer heute tun. Wenn es einen westlichen Dalai Lamah gegeben hätte, der das Leben liebt und die Menschen so nimmt, wie sie sind, dann wäre er es gewesen.

Thomas schaffte leider die Probezeit an der Fachoberschule nicht und ging von dieser ab. Bis zuletzt blieb er aber im Unterricht, auch als er wußte, dass er es nicht schaffen würde. Er begann daraufhin eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann und war zufrieden und in seiner Arbeitsstelle beliebt. Thomas ging regelmäßig auf Fantreffen, Conventions, Geburtstage und ließ generell keine Gelegenheit aus, seine Freunde zu treffen und neue Freunde kennenzulernen. Ich machte in dieser Zeit meine FOS und meine Bundeswehr, während Thomas arbeitete, ein Auto kaufte und ein glückliches Leben führte. Er schien überhaupt immer glücklich zu sein. Es war so, als könne ihm nichts schlechtes passieren, als liebte ihn das Leben so, wie er das Leben liebte und es war so, dass er aus allem das beste machte und die Situationen so nahm, wie sie waren und er sich nie beklagte. Thomas war nie krank. Er hatte in seinem ganzen Leben nie Kopfschmerzen und ich habe ihn auch nie niesen sehen oder mitbekommen, dass er sich schlecht fühlte. Es scheint so, als lebte er ein ideales Leben, ein glückliches Leben, von dem jeder, der es so echt erlebt hat, nur Träumen könnte. Sicher kein Leben in äußerlichem Reichtum, in Luxus oder Mammon. Aber dafür etwas viel wertvolleres: ein gutes Leben mit allem wesentlichen, einem Auto, einem Job und guten Freunden und das wichtigste vor allem: ein Leben voll innerem Reichtum.

Thomas war ein besonderer Kerl, mit dem es nie langweilig wurde und mit dem alles immer Spaß machte. Ein Kerl, der für einen da war, egal wie man gerade oder generell drauf war. Ein Kerl, der alles mit Humor nahm ohne sich über etwas lustig zu machen. Einmal war er zu Besuch und wir wußten gerade nicht, was wir tun sollten. Wir waren mit seinem Auto unterwegs (ich erinner mich gern an seine ‘rasante’ Fahrweise, bzw. den ‘Elchtest auf der Autobahn’, den er gerne, zum Spaß und oft zum Leidwesen seiner Mitfahrer ausführte) und da fuhr er auf die Autobahn und von Bamberg nach Nürnberg, mitten um 2 Uhr nachts. Er fuhr vor das Haus von guten Freunden, die wir in Nürnberg hatten und die wir alle zusammen regelmäßig besuchten, und rief auf dem Handy an. Er sagte nur “Hey, wir stehen vor eurem Haus.” und nachdem sich am Vorhang unsere Freunde zeigten fuhren wir wieder heim. Eine Aktion, bei der man normalerweise nur Kopfschütteln könnte, aber es war so typisch für Thomas. Ungewohnte, spontane Aktionen. Denk nicht an später und lass uns ne schöne Zeit haben. So ein Mensch war er. Thomas hatte das Talent, einfach nur glücklich zu sein und sein Glück mit anderen zu teilen. Er war uneingeschränkt liebenswert, hilfsbereit und für seine Freunde da. Ein Mensch ohne Vorurteile. Ich kann gar nicht beschreiben, welchen Einfluss Thomas nicht nur auf mein Leben hatte, sondern auf alle Menschen, denen er begegnet ist. Ich kann es wirklich nicht beschreiben. Man muss diesen Mensch gekannt haben. Und ich bin dankbar, dass ich ihn kennenlernen durfte. Jeder Mensch ist etwas besonderes, aber wer Thomas kennengelernt hat, weiß erst, wie besonders Menschen sein können. Und was ein echter Freund ist. Ich habe keinen zweiten Menschen und keinen zweiten Freund wie Thomas gefunden.

Thomas wollte nach Abschluß seiner Ausbildung doch noch seine Zeit bei der Bundeswehr antreten und bereitete sich darauf vor. Er hatte auch schon einen Termin, zu dem er eingezogen worden wäre und freute sich auf diese Zeit. Ende 2002 verhob sich Thomas auf der Arbeit, als er Kollegen half, ein Stahlrohr in eine Maschine zu heben. Er spürte einen Schmerz in seinem Rücken, aber in so einem Fall nimmt man das nicht besonders ernst. Auch als er länger andauerte, dachte er eher an Hexenschuß oder einfach nur ‘verhoben’. Kurz vor Weihnachten war er auf eine Convention und wollte erst am 24.12. oder später nach Hause kommen. Aber aus irgendeinem Grund bekam er auf den Convention so starke Schmerzen, dass er sofort heimfuhr. Natürlich dachte er an nichts schlimmes und beruhigte auch seine Freunde auf der Con. Als seine Mutter früh am Morgen sein Auto in der Einfahrt stehen sah, dachte sie sich sofort, dass da was nicht stimmen kann, denn er wollte nicht so früh zuhause sein und es war nie seine Art, von einer Feier mit Freunden erheblich früher nach Hause zu fahren. Thomas liebte sein Zuhause und seine Eltern, aber mit seinen Freunden und bei einer Feier rund um sein Hobby (oder eher seine Leidenschaft) war er noch lieber. Thomas wollte immer einmal nach Japan reisen und er sagte immer, wenn wir gemeinsam mit dem Auto zu ihm nach Hause fuhren und durch Lohr kamen: “Auf dem Friedhof werd ich mal liegen”. Leider……

Thomas lag zuhause im Bett und hatte starke Schmerzen. Es war der 24.12.2002. Auch bis zu den Weihnachtsfeiertagen hatte es sich nicht gebessert und so brachten seine Eltern ihn am 27.12.2002 ins Krankenhaus. Dort wollte man die Ursachen seiner Schmerzen herausfinden. Wenn man Thomas anrief war er wie immer drauf, er beklagte sich NIE über die Schmerzen und sagte nur “Naja, es tut schon weh. Die werden jetzt mein Rückenmark punktieren und hoffentlich was rausfinden”. Sie stellten alle möglichen Untersuchungen an ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Bis……

Am 20. Januar 2003 wußte man mit Sicherheit, was Thomas Schmerzen bereitete. Es war der Tag, an dem seine Eltern Thomas aus dem Krankenhaus mit nach Hause nahmen. Thomas, der Mensch, der das pure Leben war, der nie etwas schlechtes getan hatte, der Glück und Freude unter die Menschen brachte, dieser junge Mensch mit Zielen und Plänen für die Zukunft, dieser Mensch mit Träumen und Wünschen, dieser besondere Mensch, der nie krank war und dem man nichts böses wünschen würde…. hatte Krebs. Knochenkrebs, der ihn innerlich auffrass, der seine Knochen in Melasse verwandelte und seine Organe angriff. Zu diesem Zeitpunkt gaben ihm die Ärzte noch 3 Wochen zu leben. Ein junger Mensch, der nie krank war, der das blühende Leben war und sein Leben liebte war plötzlich unheilbar krank. Der Krebs musste schon zwei Jahre unbemerkt in ihm gewuchert haben, ohne dass es je jemandem aufgefallen wäre, denn die Größe und das Ausmaß seiner Erkrankung wären medizinisch anders sonst nicht zu erklären.

Seine Eltern taten, was sie für richtig hielten und holten Thomas nach Hause, wo sie ihn pflegen und bei sich haben konnten. Wir, seine Freunde, kamen ihn einmal alle zusammen besuchen und hatten eine schöne Zeit zusammen. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, was mit ihm los war und glaubte immer noch, er wäre ‘nur’ krank. Ich kam ihn noch einmal allein besuchen, weil ich meinen Freund sehen wollte. Wir (oder vielmehr ich, er hatte keinen Appetit) aßen selbstgebackenes Schokobrot von Weihnachten. Thomas nahm Spinnengift gegen seine Krankheit. Und wir redeten darüber, was wir machen, wenn er wieder gesund wäre und ich war zuversichtlich, dass er wieder auf die Beine kommen würde.

Einige Tage später rief mich Thomas Vater an, es war früh um gegen 10 Uhr. Und hier eröffnete er mir, dass Thomas Krebs hatte und laut Meinung der Ärzte bald sterben würde. Er erklärte mir noch einige Dinge und gegen 10.20 legten wir auf. Und ich musste die Botschaft verarbeiten, dass mein bester Freund sterben würde. Und ich musste es meinen Eltern sagen, die Thomas natürlich auch kannten und sehr gern mochten. Ich glaube, ich habe geheult wie ein Schloßhund. Thomas selbst wußte, dass er Krebs hatte. Und im selben Augenblick als er die Diagnose hörte, vergaß er all das. Es war, als wäre es nicht in seinem Bewußtsein. Als wäre die Erkenntnis, krank zu sein und allem Anschein nach bald sterben zu müssen aus seinem Gedächtnis getilgt. Er hat mir nie gesagt, dass er Krebs hätte. Er war nie betrübt, schien trotz allem immer zuversichtlich und beklagte sich bis zur letzten Stunde nicht. Der Krebs hatte als eines der ersten Dinge sein Schmerzempfinden ausgeschaltet, so dass Thomas zumindest keine großen Schmerzen hatte.

Am Morgen des 8. April 2003 um 9.30 Uhr lag Thomas in den Armen seines Vaters und sagte zu ihm “Papa, der Krieg ist vorbei” und schloß seine Augen und starb. An diesem Tag war auch das Ende des Irakkrieges. Aber ich glaube, es war der Kampf seines Körpers gegen die Krankheit, den Thomas in Wahrheit meinte. Im Beisein seiner Eltern verstarb Thomas Mann, ein Mensch, der etwas besonderes war. Man kann nicht ermessen, wie es für die Eltern sein muss, das Kind in den eigenen Armen sterben zu sehen. Wie das Kind die Augen schließt, um sie nie mehr zu öffnen, Atmung und Puls enden und der Tag da ist, von dem man wußte, dass er kommen würde und dessen Kommen man mit allen Mitteln und um jedes Opfer verhindern wollte. Ich hätte mit ihm den Platz getauscht. Lieber hätte es mich erwischen sollen und hätte ich mit ihm die Stelle wechseln können hätte ich es getan. Und viele seiner Freunde hätten es gleich getan. Ich weiß nicht, wieviele Menschen unmenschliche Opfer zu bringen bereit gewesen zu wären, um ihn zu retten. Ich habe noch nie, bei keinem ähnlichen Fall so viele Menschen erlebt, die alles aufgegeben hätte oder ihr Leben eingetauscht hätten, nur damit er leben könnte. Oft wünschte ich mir, es hätte mich statt seiner erwischt und ich weiß, welche Verpflichtung mir auferlegt ist für das Geschenk, dass ich am Leben bin und unser Thomas nicht.

Ich glaube, Thomas hatte seine Aufgabe in diesem Leben erfüllt und er konnte gehen. Und ich glaube auch, dass wir durch seinen Tod unendlich viel lernen dürfen. Er hat uns so viel gegeben und wir können in Dankbarkeit an die Zeit, die wir mit ihm verbringen durften, zurückdenken. Ich bewahre die Zeit, die ich mit ihm und wir alle gemeinsam verbracht habten immer in meinem Herzen und ich weiß, dass ich für mich aus und durch seinen Tod soviel gelernt habe, soviel Gutes für mich mitgenommen habe, dass er nicht umsonst war. Ich weiß, es war nicht umsonst, dass Thomas gestorben ist, sondern dass es vielmehr alle Menschen, die ihn gekannt haben, weitergebracht hat und dass es einen besonderen Einfluss auf die Leben all dieser Mensch hatte und in der Konsequenz auf alle Menschen, mit denen wir zu tun haben und noch zu tun haben werden.

Vielleicht war es Thomas Aufgabe im Leben, uns den Weg zu weisen, uns ein Vorbild zu sein, wie wir unser Leben leben können und sollen. Wie wir mit den Mitmenschen umgehen sollen und dass es selbst in unserer dunkelsten Stunde und in Tagen und Wochen, in denen wir allen Grund hätten, zu verzweifeln, das Leben zu verfluchen und “Warum ich!” zu schreien nicht aufzugeben, die Hoffnung und den Mut nicht aufzugeben und sich Stärke zu bewahren und seinem Umfeld etwas zu geben, selbst wenn das Leben einen scheinbar benachteiligt oder Gott einen verlassen zu haben scheint. Thomas war ein unglaubliches Beispiel an Stärke, Liebe, Zuversicht, Hoffnung und Menschlichkeit. Ich glaube mit fester Überzeugung, dass er seine Aufgabe auf dieser Welt und in diesem Leben erfüllt hat und dass niemand traurig sein muss, dass er gegangen ist.

Und ich glaube, dass Thomas nicht gewollt hätte, dass irgendjemand von uns traurig ist. Er würde wollen, dass wir uns der gemeinsamen schönen Zeit erinnern und die guten Dinge mitnehmen, unser Leben weiterleben und etwas von dem Menschen mitnehmen, der uns soviel bedeutet hat. Und Thomas hat immer gesagt, wenn er einmal stirbt, hält er uns einen Platz im Himmel frei und er bereitet alles vor, wenn wir kommen und dann feiern wir weiter Partys wie frühter. Und die Mädchen müssen beim Duschen aufpassen, denn er wird von Zeit zu Zeit im Abfluss sitzen und ihnen beim Duschen zusehen. Fast könnte man meinen, in seinem Innern hat Thomas gewußt, dass er sterben wird. Wir vermissen dich, aber dein Tod war für uns nicht umsonst und wir werden dich immer als etwas besonders in unserem Herzen bewahren. Und ich weiß nicht, ob du bereits als eine neue Seele in einem neuen Körper wiedergeboren bist oder wirklich auf uns wartest aber ich weiß: egal wo du jetzt bist, du verbreitest dort Freude unter den Menschen, denen du begegnest und wirst wieder etwas besonderes sein und diese Welt zu etwas besserem machen.

An dem Tag als Thomas beerdigt wurde, kam ich früher zu seinem Haus. Sein Vater hatte mich einige Tage vorher angerufen und gebeten, ob ich die Grabrede für die Familie halten würde, ob ich dazu bereit sei. Es war für mich eine unglaubliche Ehre, für die Familie sprechen zu dürfen, für die Eltern und seine Gewschwister. Wir sprachen ein wenig am Telefon und Thomas Vater fand es wunderschön, mit welchen sanften und schönen Worten, wie gefühlvoll ich doch Dinge über Thomas sagte. Er bereitete eine Rede vor und schickte sie mir zu. Ich hatte sie natürlich an diesem Tag dabei, als ich in Thomas Elternhaus kam. Seine Eltern begrüßten mich, Verwandschaft war da und ein befreundeter Sänger, der ein Lied umgeschrieben hatte für Thomas und es am Grab singen wollte. Seine Eltern brachten mich ins Wohnzimmer, wo Thomas aufgebahrt im Sarg lag und ich mich von ihm verabschieden konnte. Es war ein Moment… es war ein unglaublich schwerer Moment. Da lag mein bester Freund vor mir und er lebte nicht. Ich sagte einige Worte zu ihm. Ich berührte seine Hand. Ich wollte ihn noch einmal berührt haben, bevor ich ihn nie wieder sehen würde. Und ich weinte. Ich ging in sein altes Zimmer und sah mich um. Ich erinnerte mich an all die Dinge, die witzigen Dinge die wir hier in seinem Zimmer und in diesem Haus erlebt hatten. All die schönen Partys, die wir gefeiert hatten und einfach nur, wie besonders die Zeit mit meinem Freund Thomas war.

Thomas wurde zum Friedhof gefahren und wir gingen in die Kirche zur Messe. Nach der Messe fuhren wir wieder auf den Friedhof, wo schon viele Menschen versammelt waren. Ich habe auf einer Beerdigung noch nie so viele Menschen gesehen. Und so viele unterschiedliche Menschen. Thomas hatte sie alle berührt. Und sie alle zusammengebracht. Die freiwillige Feuerwehr war da, Kollegen und Belegschaft, ehemalige Lehrer, Freunde, Familie, die unterschiedlichsten Menschen, die man sich vorstellen kann waren alle versammelt, um Abschied zu nehmen, als der Sarg in die Erde herabgelassen wurde. Vorher sprach der Pfarrer einige Worte.

Das Mikrofon ging an mich und ich verlas schnell, aber laut und klar den Text, den seine Familie mich vorzulesen wünschte. Nach einer kurzen Pause ergriff ich das Wort und sprach für seine Freunde und als sein Freund. Ich sagte, Thomas Mann verbindet mit dem berühmten Künstler einiges. Unser Thomas war ein Meister in der Kunst, Freunde zu finden, Menschen zueinander zu bringen, sie im Herzen zu berühren und einen Unterschied zu machen. Ich erinnere mich, dass Thomas Vater in dem Augenblick, als ich sagte, dass Thomas ein Meister in der Kunst, war Freunde zu finden und Freude zu verbreiten “Oh Gott” rief. Er war berührt. Wie alle. Nachdem ich einige Worte gesagt hatte, gab ich das Mikrofon ab und als nächste sprach der Chef der Freiwilligen Feuerwehr und danach noch eine Person. Der Sarg wurde danach in den Erdboden gesenkt und alle Anwesenden gingen am Grab vorbei, um Abschied zu nehmen. Ich war einer der letzten, die abschließend noch einmal “Mach’s gut, Thomas” sagten und den Friedhof verließen.

Auch nach Thomas Tod bin ich immer einmal wieder zu Besuch bei der Familie Mann. Bei einem der Besuche erzählte uns Thomas Vater, wie das Grab gestaltet werden sollte. Kein glatter, kalter Stein, der ewig überdauert, kein ‘normales’ Grab, denn Thomas war nicht normal, er war außergewöhnlich. Sein Grab sollte aus einem Stein sein, der sich wie menschliche Haut anfühlte, der Witterung ausgesetzt und kein Symbol der Trauer oder des Todes sein, sondern ein Symbol des Lebens. Und wer heute einmal das Grab besucht, stellt auch fest, dass hier etwas außergewöhnliches geschieht. Dass das Grab anders als alle anderen ist.

Und jedesmal, wenn ich meinen Freund besuchen komme, streiche ich über die Steine, über sein Bild und erzähle ihm, was sich in der Zwischenzeit getan hat. Dann frage ich ihn, wie es ihm geht und was er alles getan hat und spreche mit ihm über verschiedene Dinge. Ich weiß nicht mehr, ob ich Thomas jemals in den Arm genommen habe. Ich wünschte, ich hätte es. Aber ich habe von ihm die wertvollsten Besitztümer, die er je hatte: den signierten Manga, die signierte Fahne und ich kaufte auch sein Auto, welches ihm soviel bedeutete. War es doch ein Stück Freiheit und Eigenständigkeit und es war auch mein erstes Auto.

Entgegen seinem früheren Wunsch, eine Japanflagge mit in den Sarg gelegt zu bekommen entschieden wir uns, es nicht zu tun, denn er hatte in den letzten Wochen den Bezug dazu etwas verloren. Doch sein Totenbild zeigt vorne nicht einfach nur einen Sonnenuntergang oder ein ähnliches Bild; auf der Vorderseite ist ein Bild von Neon Genesis Evangelion und in der Ecke steht “Shinji”, sein Charakter und der Name, den er immer für sich beansprucht hatte. Auch wenn er nicht wie Shinji war, so war er doch unser Shinji und ein besseres Totenbild hätte man sich nicht vorstellen können für einen Menschen, der so außergewöhnlich, so anders war, wie Thomas.

Obwohl sein Bild in meinem Zimmer hängt und ich sein Totenbild immer mit mir führe ist es mir so, als wäre Thomas gar nicht tot. Mir ist es so, als könnte ich einfach bei ihm zuhause anrufen und mit ihm sprechen. Ich höre seine Stimme so klar in meinem Kopf, als würde er zu mir sprechen, wenn ich mich an ihn erinnere. Und ich erinnere mich an die gemeinsame Zeit so echt, als würden wir sie erst durchleben. Thomas ist der einzige Mensch, der ein paar Geheimnisse von mir mit ins Grab nimmt, die niemand sonst kennt.

Aber solange er in unseren und in meinem Herzen weiterlebt, ist er nie wirklich tot.

Thomas hat uns alle so tief berührt und hatte einen immensen Einfluss auf unser aller Leben. Ich bin dankbar, ihn gekannt zu haben und ich bin seinen Eltern dankbar, dass sie uns Thomas geschenkt haben. Sein Tod hat dazu geführt, dass einige seiner Freunde in der Krebsforschung aktiv werden, sein Bild war auf einem T-Shirt bei einem Cancer Walk in den USA, ich selbst bin wohl zum Teil im Gesundheitswesen, weil es ihn gab und er hat mein weiteres Leben auf vielfältige Art beeinflusst.

Eine Freundin hat einmal gesagt “Warum müssen Engel sterben?”. Ich weiß es nicht, aber Thomas bleibt für mich lebendig und er ist mein höchster ethischer Maßstab. Ich werde mein ganzes Leben versuchen, seinem Beispiel zu folgen und etwas zu bewirken, anderen zu helfen und das Gute in die Welt zu tragen. Du warst mein bester Freund. Ich danke dir Thomas.

 
  • Friday, March 6th, 2009,
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