Und so ist er da – der Tag, an dem ich meinem elenden Schicksal entgegeneilen darf! Heute komme ich zum Bund! Hab auch alles eingepackt, was in dem Brief stand. Zusätzlich noch zwei Jeans und einen Pullover und drei T-Shirts und noch zwei Paar Schuhe und noch mehr nach meiner Ansicht, unsinnigen Krimskrams. Tja, Mutter sei Dank! Ich MUSS ja soviel mitnehmen. Find ich auch ganz klasse. Eine Hose würde mir reichen, vielleicht eine zweite, falls die erste nass wird oder so. Aber was ich da so alles in meiner Tasche habe, finde ich echt übertrieben.
Ich steige um 7:15 Uhr in den Regionalexpress Richtung München. Das erste Mal seit ich sieben Jahre alt bin, dass ich Zug fahre. Und auch noch ganz allein. Ich hoff mal, dass alles gut geht und wenn ich kontrolliert werde, dass auch alles passt. Ich kenn mich ja nicht aus.
Zumindest hab ich mein Ticket, den Bescheid vom Bund und die Verbindung als Ausdruck, damit ich auch gleich weiß, wo ich umsteigen muss. Die Strecke geht von Bamberg über zahlreiche Käffer nach Erlangen, Fürth, Nürnberg, weiter über Käffer nach München-Pasing und München Hauptbahnhof. Wenigstens hab ich mir was zum Lesen mitgenommen: Patrick Süßkinds ‚Das Parfum’, ein tolles Buch und ich lese es jetzt zum dritten Mal. Damit vergeht die Zeit wenigstens etwas, obwohl man immer so ein komisches Bauchgefühl hat. Um 11:17 in München angekommen auf Gleis 11 gehe ich erst mal in die Mittelhalle um mich einigermaßen zu orientieren. Mal schauen, wo dieses Gleis 27 ist, von dem aus es um 11: 45 weiter in Richtung Mittenwald geht, über Murnau, Klais und noch so ein paar Orte: Uffing, Huglfing und wie die alle heißen mögen.
Jedenfalls isses ganz leicht, vom Haupteingang aus gesehen muss man einfach auf die Gleise ganz rechts gehen und da ist es schon, das Erste. Ich versuche noch von einem Kartentelefon aus zuhause anzurufen, damit meine Mutter weiß, dass ich schon (?) in München bin. Man fühlt sich dabei echt scheiße komisch, wenn man weiß, man ist in einer fremden Stadt und kommt wohin, wo man 10 Monate lang gefangen ist und wovon man nur die schlimmsten Horrorvorstellungen hat. Dieses absolute Übelkeits- und Verlassenheitsgefühl. Man kann es kaum beschreiben, aber es ist schrecklich. ‚Warum ich’ geht es mir durch den Kopf. ‚Warum ist das alles nur so scheiße und warum muss ich zu diesem verdammten Bund? Warum greift diese verdammte Dritte-Sohn-Regelung nicht?’
Aber man besinnt sich, es nützt ja doch nichts und ich gehe zum Gleis 27, vergewissere mich, dass auf dem Schild Mittenwald steht und setze mich auf die Bank und warte, dass der Zug kommt. Wobei ich mir eigentlich wünschen würde, dass er NICHT kommt!
Aber was nützt diese Hoffnung, zehn Minuten später kommt der Zug ja doch und ich suche mir einen Sitzplatz aus. Es steigen auch noch mehr junge Leute ein, natürlich männlich und mit ebenso großen Taschen wie ich. Leidensgenossen denke ich mir. Und eigentlich könnte oder sollte man mit dem ein oder anderen mal ein bisschen quatschen, aber erstens ist keiner in meinem Abteil und zweitens trau ich mich nicht, jemanden von denen anzusprechen. Allerdings geht es den anderen scheinbar ebenso.
Bei jeder Station schaue ich auf das Halteschild, nicht, dass ich noch das Aussteigen verpasse. Aber auf meiner Zugauskunft steht, dass ich um 13:27 in Mittenwald ankomme, also kann ich rein theoretisch noch etwas lesen. Aber halt! Wie komme ich eigentlich vom Bahnhof zur Kaserne? Wie finde ich die? Also hol ich mein Handy raus und ruf mal in Mittenwald an. Die Nummer steht ja auf meinem Einberufungsbescheid. Tüüt…tüüt… besetzt! Okay, in fünf Minuten nochmal, schließlich will ich das auch schnell hinter mir haben, damit ich Bescheid weiß.
Also rufe ich nochmal an: Tüüt…tüüt… „Geschäftszimmer 8./8 (gesprochen: Achte acht). Was kann ich tun?“ „Ja äh, hallo! Mein Name ist Sebastian Schertel und ich trete heute meinen Dienst bei der Bundeswehr an. Und ich wollte mal fragen, wie ich zur Kaserne komme.“ „Moment, da geb ich Ihnen mal den Kompaniefeldwebel.“ Ärks! Ich weiß zwar nicht, was der Kompaniefeldwebel für einer ist, aber ich wollte eigentlich nicht gleich mit so was Hohem sprechen und jetzt ist der gleich am Apparat! Schock!
„Hier Hauptfeldwebel Grober, was gibt’s?“ „Ja mein Name ist Sebastian Schertel und ich wollte fragen, wie ich zur Kaserne komme, weil heute ist mein erster Tag.“
Der Feldwebel ist mürrisch. „Da fährt ein Bus.“ „Und wo fährt der da?“ „Das sehen sie dann schon.“ Tüüüüüüüt…..
Ich wette, die Geschäftszimmersoldaten haben mich absichtlich weitergegeben, um sich einen Spaß draußzumachen, dass der Spieß absolut nicht gut gelaunt ist und mich gleich mal so richtig schön anschnauzt.