Zweite Station des Tages.
Eigentlich war das heute schon genug mentale Verseuchung durch die Bundeswehr und wir alle hätten gute Lust, nach Hause zu gehen, dem Schrecken zu entfliehen. Wir, das sind ich und noch drei weitere „Kameraden“, die auf den Stühlen am anderen Ende des KWEA Platz genommen haben und auf die Fortführung unserer ‚Inquisition’ PARDON – MUSTERUNG (!) warten. Irgendwie scheint es hier schneller zu gehen, denn beim Arzt waren ja fünf Leute im Wartezimmer.
Es stehen acht Stühle in einer Reihe, vor den beiden in der Mitte ist ein kleiner Tisch von eineinhalb Metern Länge, Holzimitat. Und schon wieder nur die Bundeswehrzeitschriften zu lesen. Wenigstens steht hier ein Fernseher! Ja, es ist wahr, die Bundeswehr stellt einen Fernseher bereit, um die Wartezeit zu überbrücken! Wollen Sie uns unser wahrlich schweres Los, diese Angestellten zu erleiden tatsächlich erleichtern? Sich für die Folter entschuldigen und uns versöhnlich stimmen?
Was wird wohl laufen? Der neueste James Bond Spielfilm, eine Komödie mit Robbin Williams oder der allerneueste heiße Gina Wild Porno (Lechz), damit wir ‚entspannen’ können?
Aber hoffentlich doch nicht die Sachen aus dem täglichen Vormittagsprogramm wie Familienduell, Arabella Kiesbauer oder Alfredissimo!
Der Fernseher geht an und wir sind voll der Freude ob der Dinge, die da kommen werden. Und….. oh Schreck!
NEIIIIIIIIN! – Ich wünschte, sie würden Damenfußball zeigen. Oder wenigstens die hundertste Wiederholung von Love Boat. Oder wenigstens die Sesamstraße. Aber DAS!!! Manch ein Kamerad überlegt schon, ob er nicht in den vierten Stock rennen und sich mit einem Sturz auf die Tische in der Halle unten, die ich zu Anfang gesehen habe, das Leben nehmen soll. Die Schlagzeile wäre auch zu schockierend für die Medien und zu rufschädigend für die Bundeswehr insgesamt. „17 Jähriger nimmt sich während der Musterung durch Sturz im KWEA das Leben, weil er Angst vor der Bundeswehr hat!“ Eine Schlagzeile, wie geschaffen für die Bildzeitung und auch ich hadere mit diesem Gedanken. Könnte man damit das KWEA nicht unter Druck setzen?
Aber keiner von uns hängt diesem Gedanken lange hinterher, denn das Grauen, das uns in dieser Sekunde angetan wurde, war zu schrecklich, zu schockierend und zu lähmend, um sich ihm zu entziehen:
Es laufen Filme von und über die Bundeswehr, in der uns Kameraden beschreiben, wie toll sie alles finden, warum sie gerade bei der Marine (alle schwul), Luftwaffe (Selbstmord leichtgemacht) oder dem Heer (ich bin ja soooo gerne Zielscheibe) sind und warum sie es uns auch DRINGEND empfehlen, zum Bund zu gehen und zu verlängern. Da ist Mike, ein Mechaniker, der in der Instandsetzung tätig ist und gerade seine Prüfung zum Unteroffizier ablegt. Petra, die zur Marine geht, weil man da ‚so tolle Erfahrungen’ machen kann (400 Männer und Petra auf einem Schiff, tolle Erfahrungen, alles klar!) und Jürgen, dessen Traum es schon immer war, zu fliegen.
‚Das müssen alles entweder Schwuchteln oder verdammt schlechte Schauspieler sein’ geht es durch unsere Köpfe. Denn wer sollte sonst freiwillig länger beim Bund bleiben oder überhaupt hingehen? Warum ich nicht verweigere und Zivildienst mache? Zivildienst – das sind keine Männer. Das sind Weicheier, Schöngeister, Blumenpflücker, Transen. Nein nein, wenn ich schon was machen muss, dann geh ich zum Bund!